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Wochenrückblick: Im Angesicht des Brutzelschattens

 

Es ist nicht immer so wie es aussieht.

Dies hier ist selbstverständlich KEINE Sonnenfinsternis, sondern ein komplett verschimmelter Bierdeckel, auf dem mal eine zu volle Tasse Milch stand.

Sieht man doch! 

 

18.03.2015
 

Je seltener ein Ereignis eintrifft, so aufregender scheint es. 

Als leuchtende Beispiele mögen Weltkriege, Weihnachten und Geschlechtsverkehr die Bühne betreten. Je mehr Menschen an diesen Ereignissen teilnehmen, desto wohliger das Gemeinschaftsgefühl. Ist ja auch verständlich, weder Sex noch weltübergreifende Konflikte fetzen so richtig, wer sie allein unternimmt.

 

Das erklärt das Gewese rund um die Sonnenfinsternis am Freitag.

Unverständlich, was da für ein Buhei veranstaltet wird. Plötzlich will jeder in die Sonne glotzen, nur weil sich alle paar Jahrzehnte der narzisstische Mond dazwischendrängelt, ganz nach dem Motto:

„Haaaalloooo, mich gibt es auch noch, bin vielleicht nicht ganz so wichtig, wie die doofe Sonne da, aber doch ja irgendwie schon. Ohne mich keine Ebbe, keine Flut und auf MIR ist immerhin schon mal ein Mensch gelandet…“

Und so weiter.

 

Deutsche Durchschnittspragmatiker kriegen so gut wie jeden Tag eine Sonnenfinsternis zu Gesicht, sie trägt den wissenschaftlich anerkannten Namen „Wolke“.

Hierfür muss man sich auch keine hyperteure Brille anschaffen und bis nach Reykjavik düsen, nein es reicht die kopierte Ray Ban aus dem Kaugummiautomaten und der Gang auf die Terasse.

„Ach guck“, kann man dann sagen, „ne Sonnenfinsternis.“, geht wieder rein und widmet sich wichtigen Dingen wie das Häkeln von Topflappen oder der Moosentfernung in Pflastersteinrillen. 

Doch gelten hier die oben genannten Regeln nicht.

Kein wohliges Gemeinschaftsgefühl.

Und die wolkeninduzierte Sonnenfinsternis passiert einfach zu oft, als dass es aufregend wäre. 

 

Dummerweise sind wir zudem auch wissenschaflich derart auf der Höhe, dass wir verstehen, was da oben abgeht, wenn sich Kollege Mond zwischen Sonne und Erde schiebt.

Was beneide ich die ahnungslosen Naturvölker von einst, die dachten da kommt ein Drache und frisst die Sonne auf.

Wie da wohl die nächsten Tage verliefen? Du stehst an der Pfanne, kochst dein Rührei und jederzeit könnte ein überdimensionaler Feuerspucker die Erde fressen, der sich am Gestirn die Zunge verbrannt hat. 

Oder die Chiwapee-Indianer, die dachten „Hui, da knipst jemand das Licht aus“ und flugs brennende Pfeile Richtung Sonne schossen, damit das Licht wieder an ging. Was für eine schöne und naive Sicht auf die Welt diese Menschen gehabt haben mussten.

Und wie sie sich High Fives gegeben haben, als der Mond wieder weg war.

Nun ja.

 

Wie gesagt, wir sind aufgeklärt bis zum geht nicht mehr, dutzende Internetseiten zeigen den korrekten Schattenverlauf des Trabanten und wer wirklich gar nix mit seiner Zeit anzufangen weiß, der fliegt der Sonnenfinsternis im Privatjet hinterher. So was muss es auch geben, würden alle Menschen alle immer nur das Gleiche tun, zum Beispiel Sonnenblumen pflanzen, ich würde ja den Weg zur Arbeit nicht mehr finden. 

Interessant wäre natürlich, was Nachrichtenagenturen, Twitter und Facebook posten würden, wenn das jetzt am Freitag die allererste Sonnenfinsternis wäre und wir auch keine Ahnung hätten, was da passiert.

Hach.

Drei Viertel der Menschheit wäre plötzlich blind wie Stevie Wonder im Darkroom. Der eine oder andere würde Grillanzünder Richtung in den Himmel schmeissen. Und dann die Kommentare in den Netzwerken:

Böh, was soll der Quatsch. Frühlingsanfang und auf einmal wird die Sonne schwarz, gefällt mir nicht. 

 

Dank unserer Aufgeklärtheit muss sich aber eigentlich niemand Sorgen machen. Wenn am Freitag um 09:30 pünktlich zur großen Pause der Schabernack losgeht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt jemand etwas mitbekommt, erstaunlich gering. Nicht nach oben schauen, den Liveticker auf dem Smartphone verfolgen, Twitterkommentare lesen, in RTL-Aktuell die besten Bilder präsentiert bekommen und bei Facebook ne Gruppe gründen: 2081 nächste volle Sonnenfinsternis - wer bringt das Bier mit? 

 

So werden gemeinschaftsgefühlauslösende Ereignisse heute abgefeiert. 

Oh, da kommt eine Wolke…wo ist meine RayBan??? 

SG

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