Zombiequarium Teil 6: Klar, um der Kälte zu begegnen, KANN man sein Gesicht auf's Ceranfeld legen...aber wer macht hinterher den Herd wieder
sauber?
Tsunamiwellen, die sich über Achttausender wälzen.
Strassenrisse, die Stadtviertel verschlucken.
Vulkane, die ganze Länder mit Magma überrollen.
Ein knubbeliger Meteor, der unserem Planeten für immer das Licht ausknipst.
Oder Raketenwürmer, die den Globus aushöhlen...unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Die Art und Weise, wie wir am 21.12. "Adieu" sagen, lässt nicht viel Raum für Fantasie, außer: Es geht eine Menge dabei kaputt.
Viele werden verzweifelt vor sich hin brüllen, aber das auch nur, weil ihnen das Pfeiffen eines Wanderliedes unpassend erscheint, während erst der Briefkasten und
dann der Rest der Behausung in den Abgrund stürzt.
Das Blöde ist, Armageddon kann man nicht üben.
Sicher, man lege sich kopfunter in die vollgelaufene Badewanne und breche in Panik aus, das ginge schon. Oder man wische sich tagtäglich den ängstlichen Schweiß von
der Stirn, wenn man mit dem KFZ über winterliche Strassenrisse hoppelt, immer voller Furcht, dass sich gleich der Asphalt auftut.
Authentisch ist das nur leider nicht.
Doch ein Szenario fehlt, eines, auf das wir bereits jetzt recht gut vorbereitet sind.
Vergessen wir Wellen und Vulkane, denn im Dezember 2012 geschieht folgendes:
Der Mayakalender endet. Alle Planeten sind seit langer Zeit wie auf einer geraden Schnur im Sonnensystem angeordnet, da überlegt unser Erdball sich:
"So, letzt langt's! Immer dieselbe Umlaufbahn, ich hab die Schnauze voll. Jedes Jahrzehnt seh' ich die Venus von ihrer selben Seite und auch Bruder Mars geht mir
mit seiner vernarbten Fratze gehörig auf den Kontinent. Ich will endlich mal die Saturnringe bestaunen."
Nächste Ausfahrt links, Entfernung zum Ziel eintausend Millionen Kilometer, Staus: keine.
Und so entfernen wir uns still und heimlich von der guten alten Sonne, weil unser Planet einen auf Fernweh macht und mal nen Kometenwechsel braucht.
Die Temperatur sinkt langsam und unaufhörlich nach unten, es wird kälter und kälter und dann...
Nun...Hier und heute können wir diesem Szenario probesitzen, welch ein Glücksfall.
Seit letzter Woche macht Tief Cooper uns klar: So könnte sie aussehen, die Eiszeit.
Aus rein universeller Sicht betrachtet ist es ja noch gar nicht lange her, da fürchtete die Menschheit die Eiszeit eben so sehr wie das Waldsterben, doch für beides
müsste man bei Facebook eigentlich heutzutage den "Interessiert mich nicht"-Button erfinden. Für eine ordentliche Arschkaltperiode fällt in den Medien einfach zu oft das Wort
"Erderwärmung" und der Wald? Na, wenn das Holz für Ikea-Möbel namens "Poäng" draufgeht: Hey, wo ist die nächste Axt?
Da das Humankollektiv sich aber an stickige Heizungsluft dauergewöhnt hat, sind wir dank Tief Cooper mit seinen zweistelligen Minusgraden geradezu beleidigt in
unserem Celsiusempfinden. Und da wir uns von vier Jahreszeiten einfach nicht die eine merken können, in der es eventuell frostig zu werden vermag, sind wir immer wieder auf's Neue überrascht und
benötigen professionelle Hilfe aus den Medien.
Doch vor der Hilfe steht die Miserenschau, lange bevor in den Nachrichten der Hinweis gegeben wird, dass man bei -25 Grad auf Sex im Freien verzichten sollte, wird
Mutti Natur wieder für bitterböse erklärt, ihre verdiente Vendetta sei das für all den Frevel, den wir ihr antun.
Sicherlich, der pöhse Winter hat dieses Jahr schon mehr Opfer gefordert als EHEC, setz-hier-ein-Vieh-deiner-Wahl-ein-Grippe und Krupphusten zusammen, aber trotzdem
fällt es zumindest mir schwer, das Verschwörerische und Diabolische in einem Tiefdruckgebiet zu erkennen, schon gar nicht, wenn es "Cooper" oder - haha - aktuell "Dieter" heißt.
Hat man das verkaminte Publikum daheim genug zu Tode geängstigt, geht es in die Tipps & Tricks Ecke. Selbst der ärmste Hartzer lässt Köter Wotan - der noch vor
drei Wochen Söhnchen Kevin beinahe mit einer Dose Frolic verwechselte - nicht vor die Tür.
Aber die Wetterexperten der Fernsehanstalten, die müssen.
Und was tun die Fachmänner zwischen all den hilfreichen Hinweisen, dass man auch immer schön seine Nüstern mit feuchter Creme zum Schutz vor Riechkolbenzerbröselung
einreiben solle oder dass man sich bei derartigen Temperaturen nach einen Spaziergang erstmal vor dem offenen Kühlschrank aufwärmt?
Sie zerreißen steifgefrorene T-Shirts in zwei Teile und schmeißen heißes Wasser in die Luft, wo es sofort gefriert.
Ja, super!
Die Zuschauer wären vielleicht nicht zum Dauerschlaf verbannt, wenn man sich in der Berichterstattungg zwischendurch mal abseits ausgetretener Klischeepfade bewegen
würde. Stets ist von "sibirischer" Kälte die Rede, immer wieder von der "Kühlkammer" Deutschland.
Warum nicht mal die Zuschauer bei Laune halten?
Nahe Grünloch bei Lunz am See in Österreich hat man 2003 immerhin eine Minustemperatur von -47,1 Grad messen dürfen. Klar, Grünloch hat kein sibirisch anmutendes
Gefangenenlager, aber muss man es nur deswegen meteorologisch diskiminieren?
Ergo wäre eine wachhaltende Formulierung der Nachrichtenheinis: "Über Deutschland breitet sich eine grünlöchrige Kälte aus, ganz Europa friert wie
Gynäkologenbesteck."
Im Wetterbericht könnte man poetisch werden:
"Nachts ist auf den Straßen mit extremer Glätte zu rechnen, die im Scheinwerferlicht der Autos glitzert wie das Silvester-Dekollté einer kaukasischen
Edelprostituierten."
Man muß die Leute für das Thema ein bisschen begeistern, wenn sie sich auf den Weltuntergang ala "Humanity on the rocks" vorbereiten soll. Man muß ihnen sagen, was
sie konkret tun sollen und ihnen ein präapokalyptisches Gemeinschaftsgefühl vermitteln:
Deutschland und Europa, in den Finanzen getrennt, aber im Zittern vereint. Wir zahlen nicht in Rettungsschirme ein, sondern betteln um den kontinentübergreifenden
Heizpilz.
Mit dem Teebeutel im Mund und dem Wasserkocher in der Hand sollten wir am 21.12.2012 auf der Couch sitzen, die Heizung auf volle Pulle. Und das können wir doch auch
heute abend schon mal üben. Und dazu gucken wir den RTL-Sonntagsfilm, auf dass unser Launethermometer in neue Temperaturdimensionen empor steige:
Ice - der Tag an dem die Welt gefriert.
In 45 Wochen ist Weltuntergang.
© 07.02.2012 Sascha Gerson
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Kommentare: 2
Günni (Mittwoch, 08 Februar 2012 20:25)
"So, letzt langt's! Immer dieselbe Umlaufbahn, ich hab die Schnauze voll. Jedes Jahrzehnt seh' ich die Venus von ihrer selben Seite und auch Bruder Mars geht mir mit seiner vernarbten Fratze gehörig auf den Kontinent. Ich will endlich mal die Saturnringe bestaunen."
Welch erheiterndes Gedankenspiel
Selbst der ärmste Hartzer lässt Köter Wotan - der noch vor drei Wochen Söhnchen Kevin beinahe mit einer Dose Frolic verwechselte - nicht vor die Tür.
Ich liebe diesen schwarzen Humor.
Wieder ein gelungener Artikel, freu mich schon auf den Nächsten.
Grüsse
pennys-wochenrueckblicke (Mittwoch, 08 Februar 2012 22:49)
Nabend Günni, vielen Dank für Dein Lob, mein treuer Stammkommentierer ;-)
Der nächste Rückblick ist zumindest schon kopfmäßig in Arbeit und wird vermutlich Sonntag erscheinen :-)
Beste Grüße
MrPennywise