Zombiequarium Teil 3: Bitte, wer sich immer nur geraspelte Koalahoden, pürierte Krokopenisse und Kotzfruchtcocktails einverleibt, der muss sich über eingerissene Mundwinkel nicht ärgern!
Es ist ja noch nicht mal zwei Wochen her, da mutmaßte ich in meiner ganzen Kühnheit, dass eine Frau namens Maria Amjad der erste volladipöse apokalyptische Reiter
sein wird, der am Jahresende den Weltuntergang einläutet, in dem er sich Australien einverleibt.
Es handelte sich um eine - bei aller Liebe zur Satire - groteske und auch ein wenig beängstigende Vorstellung, dass diese Frau ihre Zähne in der Welt kleinster
Kontinent schlägt und die Menschen in Scharen vor dem riesigen landschaftsmalmenden Gebiss davonrennen.
Heute - nach der Sichtung der ersten Folge des RTL-Dschungelcamps - würde ich immens jubelnd "DAFÜR!" schreien, wenn es hieße, Frau Amjad käme schon im
Februar. So ein Kontinent ist ja auch nicht in zwei Tagen verspeist, da gibt es einiges abzunagen und wegzukauen.
Ich würde innerlich vibrieren vor Glückseligkeit und Euphorie, wenn in einer Live-Schaltung plötzlich überdimensionale Hauer die Büsche erzittern lassen, mit wenigen
Bissen das Dschungelcamp in verdaubare Einzelteile zerlegten und das Moderatorenteam kreischend in der Magensäure der Maria Amjad landet.
Es ist nämlich stets dieselbe Soße.
Jedes Jahr aufs Neue wird der botanische Abenteuerspielplatz von den gleichen Gestalten moderiert.
Sonja Zietlow haben wir da, einst eine von reisebuchenden Passagieren beklatschte Boeing-Pilotin. Ich erwähne das hier nur, weil das ein Umstand ist, der in den Medien recht häufig genannt wird:
Die Zietlow hat Abi und flog mal Viermotorige.
Diese Tatsache wird einem derart oft auf dem Tablett präsentiert, dass man manchmal meinen könnte, das restliche mediale Moderatorenkonglomerat im TV bestehe zu
99,85 Prozent aus Hirsehirnen mit der Intelligenz von verbranntem Vollkornbrot. Ist aber nicht weiter schlimm, ich höre mir gerne immer wieder an, wie schlau die Zietlow ist, nur um einen Moment
später feststellen zu dürfen, dass sie ihr fliegerisches Können gegen das stete Abfeuern grenzdebiler Witzelsprüche eingetauscht hat.
Links daneben steht die weltweit einzigartige dauerkichernde Fliegerbombe mit Namen Dirk Bach, die buntbehutkopft wie eine Art fetter Sesamstraßen-Ernie geiernd
durch den Dschungel rollt, wenn die Zietlow wieder einen Witz erbrochen hat.
Dass die beiden ihre Show mit der feinen Note der "Selbstironie" würzen und somit zu jedem Zeitpunkt klar ist, dass man hier Fernsehen auf Sinkflugniveau
präsentiert, ist sicherlich vorsichtig zu begrüßen, überschwänglich zu loben ist es dagegen nicht, denn:
Was bleibt "Dick" und "Abi" denn anderes übrig? Wer einen 5-Kilo-Haufen Elefantenkot plastisch beschreiben soll, der benötigt die Attribute 'braun', 'stinkend' und
'wird nur mit einer Kehrschaufel und einem ordentlichen Kärcher zu entfernen sein'.
Da kann halt nix beschönigt werden.
Weit unterhalb des Baumhauses, in dem die beiden Witzbolde das Grauen moderieren, hausen jährlich wiederkehrend immer neue Gestalten, deren Namen mir immer weniger
sagen.
Ob Vincent Raven, Rocco Stark, Micaela Schäfer (wer hat der denn das 'h' im Vornamen geklaut?): Wenn der Bekanntheitsgrad der mehlwürmerfressenden Promischar noch
ein kleines bisschen weiter abnimmt, dann kann ich mich da nächstes Jahr auch als kommerziell erfolgloser Rückblicksautor bewerben und die Leute werden sagen 'Ach guck, der Penny im
Dschungel. Seiner Seite muss es aber sehr schlecht gehen.'
Gerne würde ich einmal die Stellenausschreibung zur Sendung sehen. Ein nicht unwesentlicher Punkt scheint die eigene Schufaauskunft zu sein, wer nicht mindestens so
viele Negativzeilen mitbringt wie Jopi Heesters gelebte Monate, der wird erst gar nicht zum Probe-Känguru-Boxen zugelassen.
Rudimentäre Sprachkenntnisse, siebte Plätze bei Deutschlands na-haha-chhaltigster Castingshow, aufgepumpter Vorbau, die Teilnahme an einer Mac-Gyver-Gedächtnisshow,
die Existenz als 'Tic' in einer Gören-Band mit Hang zum Melodramatischen, all diese Dinge werden vorausgesetzt, damit man strunzdumm zwischen faustgroßen Mücken sitzt und entweder Schwachsinn in
Form von nicht Sinn ergebenden Sätzen von sich gibt oder Unrat in Form von Dschungelgetier aufnimmt.
Manchmal verschwimmen selbst hier die Grenzen fließend.
Nun höre ich die Protestler von den hinteren Bänken:
'Ich bin ein Star, holt mich hier raus' sei Teil der Fernseh-Kultur, es sei Gesprächsthema in jedem Büro.
Ich entgegne: Wie wäre es mal mit einer sinnvollen Tätigkeit am Arbeitsplatz?
Der Würfelzuckerbestand bedarf doch bestimmt wieder einmal einer ordentlichen Inventur und die Bleistifte müssen auch mal wieder angespitzt werden.
Die Protestler geben sich aber nicht damit zufrieden, sondern posten Forenunfug:
Sie schreiben Sachen wie
'Seien sie nicht so herablassend und gönnen sie anderen Menschen auch mal Momente des Abschaltens. Tagaus und tagein kümmere ich mich bei CERN um den
Teilchendetektor und berechne Neutrinoflugbahnen bis mir der Schädel raucht, da benötige ich abends auch mal ein bisschen Zerstreuung.'
Aha.
Ja gut.
Aber kann man geistlose Zerstreuung nicht auch erleben, indem man einfach in einen Gulli starrt oder einer Kerze beim Abbrennen zuschaut?
Außerdem ist mir persönlich die Argumentationsstruktur nicht ganz klar.
Wenn ein alter Mann tagein tagaus an einem Spielplatz vorbeigeht und dort die kläffenden Brüllkrümel, die Eltern kühn als 'spielende Kinder' bezeichnen, in ihrem
Schreien und Blöken geduldig erträgt, würden wir ihm Verständnis entgegenbringen, wenn er eines Morgens sagt:
"Tagaus und tagein gehe ich an den kreischenden Brüllkrümeln vorbei, aber ab und an muss ich sie mit ihrer eigenen Plastikschüppe verkloppen!"?
Versuchen wir es mit Ehrlichkeit :
Es gefällt einem Großteil der Zuschauenden, dass Ramona Leiß nun nicht mehr altklug daher plappern kann wie einst in der Know-Hoff-Show und aus Sicherheitsnadeln
kleine Tarnkappenbomber bastelt. Stattdessen kann man sich wunderbar künstlich darüber echauffieren, dass sie sich ihren Haaransatz nicht färbt und ihre Entzugskur nicht wie jeder andere in einer
Klinik durchführt, sondern stattdessen rat- und rastlos fauchend durch den Dschungel stolpert.
Auf der anderen Seite sind wir furchtbar stolz darüber, unser Schubladendenken auf so herrliche Weise abzulegen, wenn wir zunächst über Micaela zynisch äußern 'Ach
guck mal, die hat Ihr Hirn auch nur dafür da, damit sie den nächsten Brust-OP-Termin nicht vergisst' , ihr aber danach anerkennend metaphorisch über Tausende Kilometer hinweg auf die Schulter
klopfen, weil sie die erste Dschungelprüfung so gut gemeistert hat.
Na prima. Wie intensiv hätten die Leute erst lobend geklatscht, wenn die Micaela zugestimmt hätte, dass man ihr den ganzen kreuchenden Dschungelunrat rektal
mit einem Laubsauger einführt. Das Publikum wäre ja ausgeflippt.
Ich will ja kein allzu großer Spaßverderber sein:
Aber entweder wir einigen uns darauf, dass wir ein Programm bescheuert finden, uns aber daran aufgeilen, dass wir NICHT zu den Zellhaufen gehören, die vor
dreitausend Jahren mal über einen roten Teppich gestolpert sind, jetzt aber tief im Dispodschungel hocken, um von Peter Zwega...äh...Dr. Bob wertvolle Tipps zu bekommen, wie man eine
Hepatitis beim Verspeisen von Wichetty-Raupen vermeidet oder wir schalten ganz ab.
Im Weltuntergangskontext ist es aber vielleicht auch volle Absicht. Unsere Gehirne mit TV-Schund so lange weichzukochen, bis wir vor dem Fernseher hockend am
21.12.2012 die apokalyptischen Reiter in unserem Wohnzimmer anschnauzen.
"Scher dich weg von der Glotze und nimm dein tosendes Inferno mit. Muss Dschungelcamp gucken".
Nicht, dass wir die Fernsehanstalten für ein derart menschengnädiges Verhalten noch irgendwann in den Himmel loben.
In 48 Wochen ist Weltuntergang.
© 18.01.2012 Sascha Gerson
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Kommentare: 6
Günni (Mittwoch, 18 Januar 2012 21:12)
Sensationell, wie immer!
Ne Träne kullert mir über die Wange.
Schade, daß so wenige Menschen diesen Humor verstehn.
pennys-wochenrueckblicke (Mittwoch, 18 Januar 2012 22:54)
Hallo unbekannter Günni (oder kennen wir uns doch)? Vielen Dank für Deinen Beitrag, Du bist ja der Erste auf der neuen Homepage ;)
Ich muss ja mit meinem Humor auch nicht zwangsläufig jeden erreichen, diejenigen, die sich weiter an den Ekligkeiten berauschen, sollen das ja auch gerne tun. Und sieh es mal so. Kein Publikum, dass sich so einen Schund ansieht > keine Sender, die den Schund produzieren > ich hätte nix mehr zu schreiben.
Ergo ist es ziemlich gut so wie es ist :)
Beste Grüße
Penny
P.S.: Trag Dich für den Newsletter ein, wenn Du noch nicht drin bist ;)
Günni (Freitag, 20 Januar 2012 10:36)
Folge Dir auf Facebook und schau auch sonst regelmässig mit voller Vorfreude bei Dir hier vorbei!
Weiter so :-)
pennys-wochenrueckblicke (Freitag, 20 Januar 2012 13:20)
Ein Stammleser also :-)
Wie bist Du denn seinerzeit auf die Seite gestoßen? Auf jeden Fall vielen Dank für die warmen Worte, das spornt beim Schreiben zusätzlich an :-)
Wenn Du aus dem Kreis NRW kommen solltest: Im März gibt's ne Lesung mit einer befreundeten Autorin in Dortmund.
Vielleicht hast Du ja Lust vorbeizukommen :-)
Beste Grüße
Penny
Günni (Samstag, 21 Januar 2012 12:40)
Eher ein zukünftiger Stammleser :-)
Jemand hatte auf Facebook Deinen Text No. 137 gelinkt und nun bin ich hier.
Bis zum Weltuntergang
Grüsse
pennys-wochenrueckblicke (Samstag, 21 Januar 2012 13:46)
Na dann herzlich willkommen :) Die restlichen 136 Texte werden noch vom Blog auf die Homepage umziehen, das ist leider ein bisschen viel Arbeit :)
Aber bis zum 21.Dezember sollte das erledigt sein und dann geht die Homepage immerhin vollständig den Bach runter, haha.
Beste Grüße
Penny