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137: Weltuntergang nach Plan vs. Weltuntergang spontan

Zombiequarium Teil 2: Dr. Egbert Fleischhacker ist eigentlich gar kein Arzt, doch im Moment des Weltuntergangs selbst fragt da keiner nach. Da muß unkompliziert Paracetamol unter das Volk gebracht werden und hier und da gehört ein Bein amputiert. Wozu braucht man da eine Urkunde ohne Wert?


Ein festes Weltuntergangsdatum hat unbestreitbare Vorteile.
Je nach Gemütslage und Charakterbeschaffenheit kann man sich vorbereiten. Die ordentlichen unter uns räumen am Vorabend des Armageddon noch schnell den Keller auf.

Man kommt ja sonst nicht mehr dazu.

Die etwas ängstlichen lassen einfach die Jalousien runter. Wenn ich den Weltuntergang nicht sehe, dann sieht er mich vielleicht auch nicht, lautet das Motto der Bangenden.
Diejenigen, die ganz fest daran glauben, dass am 21.12.2012 Schluß ist, die bauen Bunker in die Erde.

 

Warum eigentlich?


Denn wer von der Welt Untergang spricht, der muß doch auch über detailliertes Wissen verfügen, oder nicht? Nun kann man sich wundgooglen bis der Kopf platzt, aber letztlich weiß ja keiner, wie es genau geschieht.
Man hat da nur grobe Vorstellungen, die entweder in die Richtung gehen, dass alles niederbrennt (Vulkane speien Lava, Erdspalten tun sich auf, der Herd bleibt an) oder dass wir überschwemmt werden von kilometerhohen Wellen, über die sich nur die Surfbrett-Fraktion ein letztes Mal freut.

 

Doch was tut die Bunker-Fraktion, wenn die Welt auf eine andere Weise untergeht?

Wenn das Ende des Mayakalenders gigantische tektonische Platten verschlingende Würmer aufweckt, die über Jahrtausende wohlig am Erdkern schlummerten und sich nun zur Oberfläche empor kauen?
Möchte man diese Art von Untergang wirklich in einem Bunker im Erdreich verbringen, in der Fressschneise des Raketenwurms?
Es scheint so zu sein wie es oft der Fall ist: Wir haben einfach keine Ahnung.
Vielleicht bricht der Planet auch einfach in zwei Teile, die dann unabhängig voneinander durchs All rasen, also auch Weltuntergang, aber nur ein bisschen.

Hoffentlich sind wir dann auf der Planetenseite, auf der wir kein "Bauer sucht Frau" mehr empfangen, denn dann hätte die Sache ja auch was Gutes.


Aber nehmen wir nun an, wir hätten gesicherte Erkenntnisse. Sagen wir, der alles vernichtende und mehrere Fußballfelder große Meteor klatscht pünktlich am 21.12.2012 um 21:15 Uhr auf europäische Landmasse. Ablenken oder abschießen ist nicht möglich, ein Entkommen auch nicht.

Wie verbringen wir den letzten Tag?

Es wird gefeiert.

Denn ganz ehrlich: Rumheulen bringt ja nix. Der Weltuntergang geht uns alle an. Da ist es wichtig, sich rechtzeitig Plätze in der ersten Reihe zu sichern, damit es auch schnell vorübergeht. Rund um die potentielle Einschlagsstelle werden eine letztes Mal Bierbuden aufgestellt. T-Shirt-Stände schlagen ihre Zelte auf und verkaufen Leibchen, auf denen steht "Ich hab das Armageddon überlebt...ach ne, doch nicht" und "Ich hab den Weltuntergang gesehen und alles, was ich anhatte, war dieses T-Shirt"
Illustre Bands werden auf einer großen Bühne auftreten, vermutlich wird Bono zusammen mit Bob Geldof einen letzten verzweifelten Versuch starten, den dicken Kiesel von seiner Umlaufbahn wegzusingen, probieren kann man es ja.


Man müsste Verrichtungsboxen aufstellen für die, die stets behaupten, dass sie den Weltuntergang mit Geschlechtsverkehr erleben wollen. Das einzige, was vor dem Meteoriteneinschlag dann geklärt werden sollte ist die Frage, wer oben liegt. Aus Multitaskinggründen vermutlich die Frau, aber Feministinnen werden zeternd fragen, warum es denn die Mädels bitteschön zuerst treffen solle.
Man sieht, Platz für Peinlichkeiten ist überall, auch im Angesicht des jüngsten Gerichts.

Es würde generell eine ruhige Stimmung herrschen, selbst einen Tag vorher, bei Gesprächen im Supermarkt zum Beispiel. Für ausgeprägte Panikschübe besteht schließlich keine Veranlassung.
"Und, wo bist du an Weltuntergang?"
"Ach, ich wollt ja erst zu Freunden, mit Raclette und so, aber ich glaube, wir fahren doch zur großen Party!"
"Na dann viel Spaß, wir schauen es uns von der Couch an und gehen wohl um halb acht ins Bett. Kommst Du nächste Woche Donnerstag dann zum Zumba?"
"Sehr witzig!"
Zynismus wird alles sein, was uns bleibt.
Wenn dann alle auf der großen Wiese sitzen und der Einschlag um 21:15 ausbleibt und die Minuten vergehen, dann werden nicht wenige anfangen zu buhen.
"Pfui, was soll das? Wofür komm ich denn hierher, ich will mein Geld zurück!"
Wenn dann der Weltuntergang siebeneinhalb Minuten später doch noch eintrifft (vermutlich gibt es im Weltall auch so etwas wie eine Deutsche Bahn, nur in größeren Ausmaßen), dann lösen wir uns alle wohl geordnet und ohne großes Geschrei in Luft auf.

Was aber, wenn es anders kommt?

Das muss man sich mal vorstellen, alles ist geplant für die große Sause am 21.12.2012 und plötzlich am...sagen wir 13. Juli rauscht ein bisher von Nasa und Physiklehrer Raunzebach übersehener Meteor heran und trifft Mutti Erde an der Planetenhüfte. Ohne Vorwarnung.
Man backt gerade einen Gugelhupf, wischt sich den Hintern ab oder schnürt sich hochmotiviert die Laufschuhe zu, da klingelt es unvermittelt an der Tür.
"Hallihallo!"
"Ja bitte?"
"Ich bin's, der Weltuntergang?"
Fliegende Hitze stellt sich ein, wie das so ist, wenn man das Gefühl hat, einen wichtigen Termin verpasst zu haben.
"Äh, was? Jetzt schon? Gucken sie mal auf die Uhr? Sie sind viel zu früh."
"Ach, ich hab eine Bahn eher genommen. Kann's jetzt losgehen?"
Und dann geht es los.

Eben noch saß man auf der Terrasse, im nächsten Moment steht der Gartenstuhl auf einem Vulkan. Vor einer Minute hat man noch mit einem Presslufthammer die Strasse bearbeitet, jetzt segelt man mitsamt Werkzeug an diversen Erdkrusten vorbei in Richtung Mittelkern.
Millionen Menschen verglühen in einem völlig unvorbereiteten Moment, bei der Ausführung banaler Alltagstäglichkeiten.


Mehrseitige Beschwerdebriefe können wir zwar nicht schreiben - sämtliches Briefpapier ist verbrannt und wir auch - aber es erscheint uns doch ein bisschen ungerecht. Wir wollen unsere Sachen schließlich in Ordnung bringen, uns noch mit dem Nachbarn vertragen, Frieden schließen mit dem Lehrer, der uns einst das Zeugnis versaute, wir wollen in den Weltuntergang hineinchillen und nicht vom Planeten gerockt werden.
Und die, die kopulierend den Planeten verlassen wollen, kriegen im Bruchteil der Einschlagssekunde noch nichtmal mehr nen Quickie hin.
Aber wir können es uns nicht aussuchen. Selbst während ich diese Zeilen schreibe, könnte ja jederzeit im Vorgarten armageddontechnisch die Post abgehen. So schnell kann ich ja gar nicht auf "Wochenrückblick absenden" klicken, bevor alles kaputt geht.
Was also tun?

Vielleicht sollten wir das Weltuntergangsgefühl in uns tragen.
Zwischendurch öfter Bierbuden aufstellen und Bands mit einer Message lauschen und T-Shirts mit seltsamen Sprüchen tragen.
Ach, das tun wir sowieso?
Na dann sind wir ja bestens vorbereitet.

In 49 Wochen ist Weltuntergang.


 

© 13.01.2012 Sascha Gerson

 

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